Pilgern auf der Insel Rügen

Das Projekt

Die Evangelische Kirchengemeinde Bergen plant auf Rügen einen Jakobspilger-Weg einzurichten, der die skandinavischen Pilgerwege mit der alten Hanse-Route (Via Baltica) verbindet. Gedacht ist an eine Streckenführung von Sassnitz mit seinem Fährhafen als Ankunftsort von Pilgern aus Skandinavien über Bergen nach Stralsund. Am alten Klosterstandort Bergen, der Mitte der Insel und des Pilgerwegabschnittes, soll ein historisches Gebäude der Kirchengemeinde als Pilgerherberge hergerichtet werden. Zusätzliche Pilgerrundwege könnten von Bergen aus die Möglichkeit zu spirituellen Wanderungen bieten; etwa rund um den Großen Jasmunder Bodden, ein Weg gesäumt von altehrwürdigen Kirchen und Naturschönheit. Der Pilgerherberge am Kreuzungspunkt der Wege kommt dabei zentrale Bedeutung zu.

Pilgern – der Ursprungsgedanke

Pilgern ist ein spirituell durchdrungenes und zielgerichtetes Wandern, das zum Nachdenken über die Ausrichtung des eigenen Lebensweges anregt. Das Wort Pilger ist abgeleitet vom lateinischen „peregrinus“, ursprünglich ein Begriff aus der römischen Rechtswelt, der einen Gastarbeiter oder Arbeitsemigranten bezeichnete. In der Sprache der alten Kirche bekam das Wort eine neue Bedeutung. Im Neuen Testament wird der Gläubige in dieser Welt als peregrinus (griechisch: paroikos) bezeichnet, also als Durchreisender, der seiner eigentlichen Heimat bei Gott erst entgegengeht. So wurde der peregrinus zum Leitbild einer christlichen Lebenseinstellung. Im Mittelalter gewannen heilige Stätten für die Gläubigen enorme Anziehungskraft. Diese Orte wurden als Sinnbild des himmlischen Jerusalems, der endgültigen Heimat der Menschen bei Gott angesehen, der Gang dorthin als „peregrinatio“ bezeichnet.

Auch wenn sich die Deutung solcher Pilgerreisen später verselbständigte und von dem Gedanken eines durch Pilgern zu verdienenden Sündenablasses überlagert wurde, blieb die Ursprungsidee doch immer erhalten: der Pilgerweg steht exemplarisch für den Lebensweg; wer auf eine Pilgerreise geht, begibt sich auf die Suche nach dem Ziel seines Lebens.

Der Jakobsweg, die Wege der Jakobspilger und der Birgitten-Weg

Die mittelalterlichen Traditionen vom Grab des Apostels Jakobus im galizischen Compostela lösten seit dem 11. Jahrhundert eine enorme Pilgerbewegung aus und machten den Ort neben Jerusalem und Rom zum bedeutendsten Pilgerziel des mittelalterlichen Europas. Das Netz von Pilgerwegen mit dem Ziel Santiago de Compostela durchzog schon bald ganz Europa wie die Adern einen Organismus. Tatsächlich ist der Jakobsweg zu einem Sinnbild europäischer Identität geworden. Unzählige Pilger haben ihre kulturellen und religiösen Spuren an diesen Wegen hinterlassen und dann ihre Erfahrungen und Eindrücke wieder mit nach Hause genommen und ihre europäischen Heimatländer damit bereichert.

Der Jakobsweg ist aber mehr als ein historisches Denkmal, er ist ein lebendiger Weg bis heute. Jahr für Jahr begeben sich tausende Menschen auf die Entdeckungsreise zu ihren Wurzeln - den kultur-historischen und den für das eigene Leben wichtigen.

In vielen europäischen Ländern gibt es heute Vereine der Jakobspilger, die das alte Pilgerwege-Netz wieder herrichten. Man unterscheidet terminologisch zwischen dem „Jakobsweg“ (dem Camino de Santiago) in Spanien und dem Zubringer-Netz, den „Wegen der Jakobspilger“

Nicht zufällig ging der Anstoß zur Schaffung ausgeschilderter Pilgerwege von einer politischen Initiative aus. Der Europarat regte 1987 eine Wiederbelebung der „Wege der Jakobspilger“ an. Die Jakobswege hätten im Mittelalter das Abendland zusammengeführt und seien damit ein Symbol für kulturelle Identität Europas geworden;  so könnten sie auch heute wieder der europäischen Integration dienen. Deshalb wurde das Netz der Pilgerrouten zur europäischen Kulturstraße erklärt. Die Pilgerwege nach Santiago wurden seitdem in ganz Europa identifiziert und gekennzeichnet. Architekturdenkmäler und Landschaften entlang dieser Routen wurden wiederhergestellt, Arbeiten über das historische, musikalische und künstlerische Erbe der Routen gefördert.[1]

In Norddeutschland gibt es seit 2005 einen „Freundeskreis der Jakobswege“, der als Sektion der Region Norddeutschland zur Deutschen St. Jakobus-Gesellschaft e.V. gehört.[2]

Mit dem Kloster Tempzin hat Mecklenburg-Vorpommern auch ein evangelisches Pilgerzentrum. Der Verein um Pfarrer Joachim Anders hat eine Pilgerherberge mit 30 Übernachtungsplätzen eingerichtet und verschiedene Pilgerwege ausgeschildert. Regelmäßig werden Gruppenpilger-Reisen organisiert.[3]

Der Freundeskreis hat Kriterien zur Festlegung von Routen und Ausstattung von Pilgerherbergen festgelegt (s. u.). In unserer Region wurden für zwei historische Routen die Kennzeichnung und der Aufbau eines entsprechenden Netzes von Pilgerherbergen beschlossen: der Ost-West-Weg (Via Baltica) von Usedom nach Lübeck und ein Nord-Süd-Weg von Rostock in Richtung Magdeburg. Vom Pilgerzentrum Tempzin aus wurde der Jakobsweg der heiligen Birgitta von Stralsund bis zum Kloster Tempzin ausgeschildert.

Relevant für die Region Rügen ist die alte Hanse-Route, Via Baltica, mit ihrem Zubringer von Stralsund. Im Stralsunder Hafen gingen früher die Pilger aus Schweden an Land. Diesen Weg dürfte auch die schwedische Nationalheilige Birgitta gewählt haben, auf deren Spuren heute wieder Pilgerfahrten unternommen werden (s. u.). [4]

Die Hauptader der norddeutschen Wege der Jakobspilger, die historische Via Baltica, führt über mehr als 700 km von der Insel Usedom nach Osnabrück und soll nach seiner endgültigen Ausschilderung sowohl die skandinavischen Länder als auch Polen mit den rheinisch-westfälischen Wegen verbinden.

Einer Anbindung der skandinavischen Länder an das europäische Jakobswege-Netz würde ein Pilgerweg auf Rügen von großem Nutzen sein. Wenn man bedenkt, dass im Jahr 2003 anlässlich des 700. Geburtstags der heiligen Birgitta mehr als 110.000 Menschen zu Birgittas schwedische Wirkungsstätten pilgerten, lässt sich erahnen, dass ein Pilgerweg, der direkt an die Fährverbindung anschließt, auch viele schwedische Pilger auf den Jakobsweg locken dürfte.

Daher ist auch die Norddeutsche Sektion der St. Jakobus-Gesellschaft an dem Teilstück auf Rügen sehr interessiert. Der Jakobspilger-Weg auf Rügen entspräche auch ihren Kriterien. Er ist am historischen Wegenetz orientiert, allerdings durch moderne Wegführung modifiziert. Das ist auch sonst auf modernen Pilgerwegen durchaus üblich, sind doch viele mittelalterliche Wege heute für Fußgänger nicht mehr begehbar.

Die moderne Reiseroute von Schweden führt eben nicht mehr direkt nach Stralsund, sondern über Sassnitz-Mukran – der Weg über Rügen wäre demnach in unserer Zeit der logische Zubringer zur Via Baltica.

[1]     Siehe http://www.oekumenischerpilgerweg.de/download/schriften/Pilgern_und_Tourismus.pdf.

[2]     Siehe http://www.jakobswege-norddeutschland.de; http://www.deutsche-jakobus-gesellschaft.de.

[3]     Siehe http://kloster-tempzin.de

[4]     Siehe die Broschüre „Entdeckungen im Backsteinland“, hg. v. Tourismusverband Mecklenburg-Vorpommern e.V. (10/2007), S. 34-35.

Pilgerherberge Bergen

Im Besitz der Evangelischen Kirchengemeinde Bergen ist ein historisches Küsterhaus, das viele Jahre als Rentamt und Gemeindehaus gedient hat. Das Gebäude befindet sich direkt neben dem Kirchenportal und grenzt an den Klosterhof. Es hat eine nutzbare Gebäudeinnenfläche von 130 m2 und wird von der Kirchengemeinde nicht mehr genutzt. Die Bausubstanz ist solide, Fußböden, Heizanlage und Sanitäranlagen sind jedoch sanierungsbedürftig. Von seiner Lage und Größe her würde sich das Gebäude hervorragend als Pilgerherberge eignen.

Gedacht ist an 3 Schlafsäle mit insgesamt 12 Betten, zwei separate Waschräume mit Duschen, ein Essraum, eine Gemeinschaftsküche und ein Raum der Stille mit einer kleinen Bibliothek und Schreibtischen.

Ein Umbau in einer dem Zweck angemessenen funktionalen und schlichten Weise wäre für 80.000 Euro möglich. Die Gesamtkosten des Projekts betragen 90.000 Euro.

Finanziert wird der Umbau zum Teil aus dem Kollektenfonds der Union Evangelischer Kirchen (EKU-Stiftung) mit 30.000 Euro. Weitere 30.000 Euro als Kofinanzierung von Seiten der Landeskirche kommen dazu. Eigenleistungen der Kirchengemeinde in Höhe von 20.000 Euro und 5.000 Euro Eigenmittel sind eingeplant.

Die Stadt Bergen auf Rügen engagiert sich seit Jahren für die Wiederbelebung des frisch sanierten Klosterhofes. Die Verantwortlichen haben gerade in jüngerer Zeit ihr Interesse an einer Pilgerherberge signalisiert. Für den Ausbau zur Pilgerherberge wurde von der Stadt eine Fördersumme von 5.000 Euro zur Verfügung gestellt.

Pilgerunterkünfte unterwegs

Wichtig ist, dass sich der Kirchenkreis bzw. der Regionalkonvent Rügen mit dem Anliegen identifizieren kann. Wir brauchen die Unterstützung vor allem derjenigen Kirchengemeinden, die am Wege liegen. Es sollte möglich sein, Pilgern, die sich als solche ausweisen können, in Gemeinderäumen einfache Unterkünfte anzubieten und den Zugang zur Kirche zu ermöglichen. Vom Pilgerzentrum Bergen aus sollten die Kirchengemeinden am Weg mit Informationsmaterialien und gegebenenfalls technischer Ausrüstung wie Matratzen, Wasserkocher etc. versorgt werden. Auch diese (überschaubaren!) Folgekosten müssen eingeplant werden.

Wenn sich die Pilgerwege etablieren, ist es durchaus denkbar, dass sich Finanzierungsmöglichkeiten für Pilger-Gästezimmer längs des Weges auftun.

Ausschilderung, Pilgerführer, Kartenmaterial

Für sämtliches Informationsmaterial kann auf vielerlei Erfahrungen von bereits bestehenden Pilgerwegen zurückgegriffen werden. Mehrere Inhaber der Urheberrechte von sehr informativen Internet-Seiten zu Pilgerwegen in Deutschland und der Schweiz haben volle Kooperation zugesagt.

Ein Pilgerführer mit Wegbeschreibung, Kartenskizze, praktischen Tipps, kulturhistorischen Informationen und Meditationstexten könnte also inhaltlich von der Kirchengemeinde Bergen – in Zusammenarbeit mit den anderen Kirchengemeinden am Wege – selbst erstellt werden.

Auch einen entsprechenden Internet-Auftritt könnten wir durch ehrenamtliche Mitarbeit selbst verwirklichen.

Gute Chancen hätte der Jakobsweg auf Rügen auch, in den neuen Band der Reihe „Wege der Jakobspilger in Norddeutschland“ aufgenommen zu werden. Er soll bis 2010 erarbeitet werden und die Jakobspilger-Wege in Mecklenburg-Vorpommern beschreiben.

Für die Ausschilderung der Wege kommt uns das gerade beginnende Projekt zur Gestaltung und Erfassung eines einheitlichen Rad- und Wanderwegenetzes auf Rügen gerade recht. Im Rahmen dieses LEADER+-Programms haben wir gute Chancen, dass die Pilgerwege mit in das offizielle Kartenmaterial aufgenommen werden. Das würde für eine gute Bekanntmachung sorgen.

Der Tourismus-Verband MV wirbt schon jetzt mit der jährlich aktualisierten Broschüre „Entdeckungen im Backsteinland“ für die Jakobswege. Das neue Teilstück auf Rügen müsste dort nur eingearbeitet werden.

Text: Aus der Projektskizze - „Projekt Pilgerherberge Bergen auf Rügen“ von Pfarrer Dr. Jörn Kiefer, Stand: 15.07.2009

Pilgerherberge Bergen auf Rügen

Wegekonzept

Buchempfehlung/Buchlesung: Aufgeben nicht vorgesehen – Die lange Reise eines blinden Paares auf dem Jakobsweg

St. Marienkirche Bergen

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